Atomkraft

Grüne im Dialog

"Wenn ich Vegetarier bin, gehe ich auch nicht zum Metzger"

Die Katastrophe in Fukushima hat Deutschland fest im Griff. Das Unglück ist traurige Ursache für die momentane bundesweite Diskussion, wie und wann wir aus der Atomenergie aussteigen können. Über die Frage „Wie schnell klappt der Atomausstieg?“ haben wir gestern bei unserer Grüne-im-Dialog-Veranstaltung in Essen diskutiert.

„Bei Fukushima ärgert mich am meisten die Aussage, mit dem Unglück hätte man nie rechnen können. Ich denke seit 35 Jahren daran“, eröffnete Dr. Gerd Rosenkranz, Leiter Politik & Presse der Deutschen Umwelthilfe, die Diskussionsrunde. Mit ihm zusammen wollten sich an diesem Abend auch Jürgen Trittin, Vorsitzender der Grünen Bundestagsfraktion, und Andreas Feicht, Vorsitzender der Stadtwerke Wuppertal, der Frage widmen: Wie schnell schaffen wir den Ausstieg?


„Fukushima verändert sehr viel“, war Feicht überzeugt. Die Laufzeitverlängerung der Atommeiler im letzten Jahr habe die Macht der vier großen Energieunternehmen RWE, E.ON, Vattenfall und EnBW verfestigt. Nach dem Atom-Moratorium und dem plötzlichen Umdenken von CDU und FDP sehe die Lage wieder anders aus: „Der Wettbewerb auf dem Strommarkt ist wieder offen.“

Jürgen Trittin war nicht sehr optimistisch, dass Deutschland unter Schwarz-Gelb mit einem schnellen Ausstieg rechnen kann: „Schon vor 25 Jahren sollte die Atomkraft ethisch neu bewertet werden. Jetzt hat Merkel eine Kommission eingesetzt, die genau das gleiche tun soll – weil es eine Neubewertung nie gegeben hat.“ Das komplette Atom-Moratorium sei rechtlich eine heikle Geschichte: Wenn man Atomkraftanlagen vom Netz nehme, müsse dafür auch eine Gesetzesgrundlage her.

Das Problem ist die Speicherung

Neben dem Zeitpunkt des Ausstiegs stehen wir vor einer weiteren Herausforderung: mit welchen Energieträgern füllen wir die Lücke aus, die die Atomkraft hinterlässt? „An Kohlekraft führt kein Weg vorbei“, meinte Andreas Feicht, „für die nächsten 30 bis 40 Jahre sind wir auf die Steinkohle angewiesen, um bezahlbaren Strom zur Verfügung stellen zu können.“ Dem widersprach Jürgen Trittin. Bereits heute liefern erneuerbare Energien an sonnigen Tagen mehr Strom, als wir überhaupt verbrauchen können. Das Problem sei die Speicherung: „Nachts brauchen wir einen Ausgleich für die Sonnenenergie. Kohlekraftwerke sind nicht flexibel genug, wir müssen erst mal auf Erdgas zurückgreifen und langfristig Pumpspeicher ausbauen.“

Doch was kann jeder Einzelne tun, um an der Energiewende mitzuwirken? Strom sparen, das ist klar. Aber auch der Wechsel zu einem Ökostrom-Anbieter setzt ein Zeichen. Die großen Stromkonzerne verstehen oft erst, wenn sie finanzielle Einbußen spüren – „das ist die einzige Sprache, die sie verstehen“, war Gerd Rosenkranz sicher. Allerdings solle man darauf achten, dass der Ökostromanbieter nicht strukturell mit RWE und Co. verbandelt sei, sondern wirklich autark: „Wenn ich Vegetarier bin, gehe ich schließlich auch nicht zum Metzger.“

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