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Finanzpolitik
"Verpasse niemals eine gute Krise"
Die weltweite Finanzkrise betrifft uns alle - doch kaum einer durchblickt die Ursachen und Zusammenhänge. Wir möchten ein wenig Licht ins Dunkle bringen und haben deshalb unsere GRÜNEN Experten mit Fragen gelöchert.
Geduldig haben Sven Giegold, finanz- und wirtschaftspolitischer Sprecher der GRÜNEN Fraktion im Europa-Parlament und Mehrdad Mostofizadeh, finanzpolitischer Sprecher der NRW-Landtagsfraktion, auf unsere Fragen geantwortet. Bewusst brechen wir die goldene Regel, uns im Internet möglichst kurz zu fassen: Die Komplexität des Themas braucht ihren Raum. Zur besseren Lesbarkeit findet ihr auf jeder Seite einen neuen Themenbereich, den ihr nach Interesse und Wissensstand anwählen könnt.
Die eigentlich entscheidende Frage direkt zu Beginn: Steht das Weltwirtschaftssystem vor dem Kollaps oder - wie der SPIEGEL fragt - geht die Welt bankrott?
Sven Giegold: Finanzkrisen sind so alt wie der Kapitalismus. Die brilliante Studie „This time is different“ des ehemaligen IWF-Chefökonomen Rogoff zu Finanzkrisen zeigt: Durch politische Regulierung kann man Finanzkrisen unwahrscheinlicher und weniger schwer machen, aber ganz verhin
dern kann man sie nicht. Schwere Finanzkrisen können ökonomische Probleme (Arbeitslosigkeit, Armut, Eigentumsverluste) und politische Verwerfungen auslösen. Das Leben, auch das wirtschaftliche, geht jedoch weiter, sofern die politischen Verhältnisse stabil bleiben. Die Weltfinanzkrise ist eine klassische Überakkumulationskrise: Zu viel Finanzkapital, oder anders gesagt zu viele Schulden, stehen der realen Wirtschaftsleistung gegenüber. Das kann nur durch starkes Wirtschaftswachstum oder durch einen schmerzhaften Prozess der Vernichtung von Finanzkapital und Schulden korrigiert werden. Dieses „deleveraging“ ist ein langer und schmerzhafter Prozess. Das gilt besonders, weil die Option des raschen Wirtschaftswachstums zur Korrektur der Finanzkrise in den entwickelten Industrieländern nur schwer möglich ist. Unser grüner Vorschlag eines international koordinierten „Green New Deal“, um für eine begrenzte Zeit mit massiven Investitionen in Technologien, die den Naturverbrauch und die Emissionen rasch reduzieren, als Nebeneffekt Wachstum auszulösen, wurde ja leider nicht aufgegriffen. Dazu müssen parallel soziale Ungleichheit reduziert und die Finanzmärkte auf lange Sicht orientiert werden. Immer deutlicher wird, dass eine andere Strategie immer schneller an die Grenze des Planeten stößt: Mehr Wachstum führt vor allem zu höheren Rohstoff- und Nahrungsmittelpreisen, was die wirtschaftliche Dynamik gleich wieder bremst. Deshalb ist der Green New Deal nach wie vor die überzeugendste Antwort auf die Krise.
Verstehst du vor diesem Hintergrund die weltweite Hysterie?
Sven: Der Prozess des Abbaus von Finanzkapital erfolgt in Schüben und unter massiver Spekulation. Dass dies auch Panik an den Börsen auslöst, ist verständlich. Denn schließlich weiß niemand vorher, bei welchem Preisniveau von Aktien, Anleihen, Währungen, Rohstoffen, usw. die Bodenbildung an den Märkten einsetzt und der Prozess des „deleveraging“ vorläufig abgeschlossen ist.
Viele Menschen fragen sich: Was ist die konkrete Ursache der erneuten Finanzkrise?
Sven: International war die Abwertung der Kreditwürdigkeit der USA durch die Ratingagentur Standard & Poor’s ursächlich, nachdem sich der US-Kongress zerstritten und unfähig gezeigt hat, vernünftige Wirtschaftspolitik zu machen. In Europa wurde der letzte Schub der Finanzkrise fraglos durch Leerverkäufe mit Staatsanleihen und Bankaktien ausgelöst. Finanzinvestoren spekulierten mit Anlagen, die sie gar nicht besitzen, auf Kursverfall - angesichts der Zweifel, dass die Eurozone zusammenhält und alle Mitgliedsländer letztlich ihre Schulden bedienen können. Wichtig jedoch festzuhalten: Die Spekulation sorgt zwar für mehr Unsicherheit und Instabilität an den Finanzmärkten, sie ist jedoch nicht die Ursache für die Kursverluste.
Ist die Schuldenkrise der Staaten nun in der Wirtschaft angekommen?
Sven: Es ist eher umgekehrt. Banken und Investoren haben in der Eurozone hunderte von Milliarden in die Immobilien- und Kreditmärkte in Süd- und Osteuropa investiert. Dadurch entstanden Immobilienblasen und eine allgemeine Erhöhung des Lohn- und Kostenniveaus. Die Arbeitslosigkeit sank, das Wachstum stieg – zumindest kurzfristig. Industrien außerhalb der Blase wurden jedoch geschwächt und waren nicht mehr wettbewerbsfähig – gegenüber Deutschland in der Eurozone und gegenüber China & Asien außerhalb. Die Stärke des Euros auf den internationalen Währungsmärkten tat ihr übriges. Als die Immobilienblasen platzten und die Preise rasch fielen, wurden viele Haushalte und Unternehmen überschuldet, Bankkredite notleidend. Die Krise führte zudem zu niedrigeren Steuereinnahmen, die zusammen mit den Bankenrettungs- und Konjunkturprogrammen die Staatverschuldung in die Höhe trieben. Auch Länder wie Spanien und Irland, vor der Krise Musterschüler in Sachen niedriger Staatsverschuldung, stehen nun mit kaum erträglichen Staatsschulden da. Die meisten Länder der Eurozone sind nun – ebenso wie Japan und die USA – so stark verschuldet, dass sie der Wirtschaft kaum durch weitere Verschuldung auf die Beine helfen können. Einer weiteren Verschärfung der Krise stehen wir nun deutlich schutzloser gegenüber.
Der deutschen Wirtschaft geht es weiterhin gut. Warum brechen trotz voller Auftragsbücher und Umsatzplus die Kurse am deutschen Aktienmarkt ein?
Mehrdad Mostofizadeh: Das hat sicherlich Gründe, die nicht unmittelbar mit der jeweiligen Unternehmensentwicklung zu tun haben. Die Gewinne sprudeln kräftig, selbst wenn sich das Wachstum im letzten Quartal abgekühlt hat. Die Anlegerinnen und Anleger machen sich offensichtlich wegen der aus ihrer Sicht unklaren po
litischen und weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen Sorgen. Unter anderem haben die USA ein umfangreiches Sparpaket beschlossen, das negative Folgen für den privaten Konsum und somit die wirtschaftliche Entwicklung in den USA haben könnte. Präsident Obama konnte sich nicht mit seiner Forderung durchsetzen, gerade die Vermögenden stärker an den staatlichen Kosten zu beteiligen. In der Eurozone gibt es nach wie vor kein glaubwürdiges Konzept zur Lösung der Krise. Andererseits gibt es aber auch eine Reihe von AnlegerInnen, die gezielt auf Staatspleiten setzen und somit für negative Entwicklungen auf den Finanzmärkten sehr konkret mitverantwortlich sind, bzw. die Bedingungen für andere verschlechtern.
Lest auf der nächsten Seite mehr zur Eurokrise.








Eurobonds werden die Krise verschärfen. Die vorherigen Lender of last Resort (Staaten) werden durch neue Lender of last Ressort (Europa) ersetzt.
Anonymous 1. September 2011, 17:00 UhrDas bedeutet: Weiterer Transfer der Einkommens und Vermögens von den Armen zu den Reichen, von den Arbeitseinkünften zu den Kapitaleinkünften. Warum müssen Staaten für Geld Zinsen zahlen? Von wem bekommen sie das Geld? Von Banken. Und genau die wollen uns weiter ausbluten lassen.
Was mir gut gefällt:
Vlado Plaga 2. September 2011, 18:18 UhrSven nennt die „immer größere Ungleichheit und damit die Anhäufung von Ersparnissen“ als Auslöser der Krise (leider nur als „weiteren Faktor“) und will dem entgegenwirken, indem Kapitaleinkommen _und_ Vermögen angemessen besteuert werden (S. 3). Auch die Sicht, dass es als Auswege nur „Wachstum“ oder „Vernichtung von Finanzkapital _und_ Schulden“ gibt, teile ich. Dass „mehr Wachstum“ nur schwer möglich ist und außerdem den unschönen Nebeneffekt des steigenden Ressourcenverbrauchs mitbringt sagt Sven ebenfalls.
Auch der Satz „Finanzkrisen sind so alt wie der Kapitalismus“ gefällt mir gut, denn gerade der netzaffinen, jüngeren Generation (zu der ich mich mit 31 auch noch zähle) ist das nicht unbedingt bewusst (außer wenn sie sich mit entsprechender Literatur beschäftigt hat).
Allerdings teile ich weder Svens Fatalismus, noch seine laxe Einstellung bezüglich Finanzkrisen:
- „ganz verhindern kann man sie nicht“ - aber hallo, warum sollte das nicht gehen? Nur weil die Konzepte dazu nicht im VWL-Studium gelehrt werden heißt das nicht, dass es sie nicht gibt!
- „Jede Finanzkrise geht vorbei“ - sicher, aber das passiert nicht von alleine und oft genug ist wegen der Finanzkrisen und der damit einhergehenden Verelendung und Verzweiflung der Menschen Blug geflossen, sehr viel Blut!
Geradezu dumm erscheint, unabhängig davon, dass in den USA viel falsch gemacht wurde, der Vorwurf die Amerikaner hätten zu viele Häuser „auf Pump finanziert“ (S. 3). Wie soll man das denn sonst machen? Erstmal 20 bis 30 Jahre arbeiten und das Geld unter der Matratze sparen, um dann, kurz vor der Rente, ein Haus zu kaufen?
Ich bin übrigens, zusammen mit INWO, Global Change Now und anderen, überzeugt, dass wir keine Wiedereinführung einer (verfasungsgemäß gestalteten) Vermögenssteuer brauchen (wie Sven sie fordert), sondern vor allem eine „Umlaufsicherungsgebühr“ für unser Geld. Damit müssten die Reichen ihre Euros zu Zinsen um 0 herum anbieten, um die „Negativzinsen“ von etwa 6% p.a. zu sparen. Dadurch würden vor allem Firmen sehr stark entlastet, was indirekt zu sehr stark sinkenden Preisen führte. Das Vermögen der Reichen dagegen würde nicht durch Steuern verringert (was dem Bundesverfassungsgericht anscheindend nicht gefiel), sondern nur noch durch ihren Konsum, sofern sie nicht durch Erwerbsarbeit mehr dazuverdienten, als sie ausgeben: sie könnten keinen „Lösegelzins“ mehr von anderen Marktteilnehmern erpressen, indem sie damit drohen, das von allen benötigte Zahlungsmittel zurückzuhalten. Diese Zinsen, inklusive deren Anteil in den Steuern, bewirken momentan in Deutschland jeden Tag eine Umverteilung von fast 1 Milliarde Euro von der Masse der armen und/oder hart arbeitenden Menschen zu den wenigen Superreichen an der Spitze.
Formale Kritik am Text: Die Aufteilung auf fünf Seiten und dass ganze Abschnitte von der ersten Seite auf der letzen nochmal wiederholt werden finde ich nicht besonders leserfreundlich.
Sven bezeichtet die Krise richtig als Akkumulationskrise. Wir wissen nicht, wie lange sich diese Akkumulation noch fortsetzen wird, da diejenigen, die profitieren alles daran setzen, den Vorgang am Leben zu halten und sie sind mächtig, bisher mächtiger als die Politik. Wenn die Politik sich nicht irgendwann aufrafft und diesem Schrecken ein Ende setzt, dann entdemokratisiert sich die Welt. Wir Grünen sollten diesen Machtkampf aufnehmen.
Gerd Klünder 3. September 2011, 12:14 Uhr