Interview
"Der Weg ganz nach oben ist für Frauen in Deutschland blockiert!"

100 Jahre Weltfrauentag – Auf welche Errungenschaften können Frauen in Nordrhein-Westfalen an diesem Jubiläum blicken?
100 Jahre sind eine lange Zeit, in der sich viel getan hat: Frauen dürfen heute wählen und erwerbstätig sein, sie haben in der Ehe die gleichen Rechte wie der Ehemann. Sie haben für sich sexuelle Selbstbestimmung erkämpft und erreicht, dass sich die Geschlechterrollen gewandelt haben. In punkto Bildung sind junge Frauen mittlerweile erfolgreicher als junge Männer. Frauen sind heute Fußballweltmeisterin, Ministerpräsidentin und Bundeskanzlerin.
Und Nordrhein-Westfalen hatten wir in Sachen Frauenemanzipation schon immer die Nase vorn. Einige Beispiele: Drei der vier „Mütter des Grundgesetzes“, die sich für die Verankerung der Gleichberechtigung in der neuen Verfassung eingesetzt haben, kamen aus Nordrhein-Westfalen: Helene Weber, Helene Wessel und Friederike Nadig. 1982 nahm in Köln die bundesweit erste Gleichstellungsbeauftragte ihre Arbeit. 1990 wurde in NRW ein Gleichstellungsministerium geschaffen, das gab es zum damaligen Zeitpunkt noch in keinem anderen Bundesland. Und heute hat Nordrhein-Westfalen als einziges Bundesland neben Bremen eine Landesregierung, die paritätisch mit Frauen und Männern besetzt ist.
Du hast als Emanzipationsministerin einen Gesetzesentwurf zur Einführung einer Frauenquote in Unternehmen erarbeitet. Die Landesregierung wird ihn voraussichtlich im März in den Bundesrat einbringen. Welche Kernforderungen enthält dieser Vorstoß?
Der Gesetzentwurf sieht eine Frauenquote für die Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen vor. Sie soll in zwei Stufen erreicht werden. In einem ersten Schritt gilt eine gesetzliche Mindestquote in Höhe von 30 Prozent und fünf Jahre später in Höhe von 40 Prozent. Die Umsetzung der Quote setzt unmittelbar beim Wahlakt an: Zum Aufsichtsratsmitglied ist nur gewählt, wessen Wahl nicht gegen die gesetzliche Mindestquote verstößt. Wenn also bei einer Aufsichtsratswahl ein Mann gewählt wird, obwohl die gesetzlich festgelegte Frauenquote noch nicht erreicht wurde, so wäre seine Wahl ungültig und er könnte sein Amt nicht antreten.
Warum ist eine gesetzliche Regelung überhaupt notwendig?
Der Frauenanteil von 3,2 Prozent in den Vorständen und unter 4 Prozent auf der Seite der Anteilseigner in den Aufsichtsräten beweist doch, dass der Weg ganz nach oben in Deutschland für Frauen blockiert ist. Die freiwillige Vereinbarung, die die Bundesregierung vor zehn Jahren mit der Wirtschaft geschlossen hat, hat nichts gebracht. Die gesetzliche Mindestquote in Aufsichtsräten für beide Geschlechter wird diese Blockade durchbrechen. Und sie ist eine große Chance für eine Veränderung der deutschen Unternehmenskultur, die noch aus den 50er Jahren stammt. Hiervon werden alle profitieren: Männer und Frauen, Gesellschaft und Wirtschaft.
An welchen frauenpolitischen Baustellen müssen wir neben der Frauenquote noch arbeiten?
Ja, trotz aller Erfolge ist immer noch eine Menge zu tun, zum Beispiel in Sachen Lohngleichheit. Frauen verdienen in Deutschland im Durchschnitt 23 Prozent weniger als Männer. Gründe dafür sind die geringe Zahl von Frauen in Führungspositionen, stattdessen sind sie bei Mini-Jobs und Teilzeitarbeit überrepräsentiert. Ein wichtiger Grund ist auch das geringere Lohnniveau in frauentypischen Berufen wie Erzieherin oder Altenpflegerin. Aber auch im gleichen Beruf verdienen Frauen weniger als Männer. Direkte Lohndiskriminierung spielt also auch eine Rolle. Mit der „Landesinitiative Frau & Wirtschaft“ – vor allem mit den 16 Kompetenzzentren Frau und Beruf, die wir neu schaffen werden – wollen wir die Chancen für Frauen auf dem Arbeitsmarkt verbessern. Zum Schutz von Frauen gegen Gewalt werden wir die vierte Personalstelle in den Frauenhäusern wieder einrichten und eine verlässliche und bedarfsgerechte Finanzierung von Frauenhäusern verankern. Außerdem werden wir das Landesgleichstellungsgesetz novellieren und in seiner Durchsetzungskraft stärken.
Wie wirst du das Weltfrauentag-Jubiläum – persönlich und politisch – feiern?
Ich werde das Weltfrauentag-Jubiläum nicht nur einmal, sondern gleich mehrfach begehen, denn ich bin von vielen Frauenverbänden und kommunalen Gleichstellungsstellen eingeladen worden, mit ihnen zu feiern und zu diskutieren. Am meisten freue ich mich aber auf die Veranstaltung meines eigenen Ministeriums, die am 19. März in Mülheim an der Ruhr stattfinden wird. Unter dem Motto „FrauenJahr100“ feiern wir auf den Tag genau 100 Jahre nach den ersten großen Demonstrationen für das Frauenwahlrecht ein großes Fest. Es ist uns gelungen, diese Veranstaltung gemeinsam mit über 30 Frauenverbänden auf die Beine zu stellen. Es wird ein Riesenfest mit einem tollen Programm – und ich lade alle grünen Frauen ein, mitzufeiern!
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Andrea Piro Neunkirchen-Seelscheid





Vielleicht hat Barbara ja auch Zeit um uns zu besuchen?
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